Eigenheiten

Es gibt viele Unterschiede zwischen dem Hochdeutschen und der Mundart, von denen auf dieser Seite einige aufgelistet sind. Mein Bestreben, immer wieder nach solchen Eigenheiten zu suchen, habe ich von Jürgen Piwowar. Ein Teil der hier aufgeführten Eigenheiten stammt aus seinem Heft Nr. 3 „Unsere Mundarten“.

Das Hochdeutsche kennt die Sprache als Mittel der Macht. Das ist der Mundart fremd. Mundartsprecher merken deshalb extrem schnell, wenn jemand versucht, sie für dumm zu verkaufen oder „vollzuquatschen“.

Der Mundart fremd sind abstrakte Begriffe, also solche, die man nicht sehen, riechen, greifen, spüren oder hören kann. Nur in Einzelfällen haben sie Eingang in die Mundart gefunden.

Bitte und Danke gehören nicht zur Mundart. Sie werden umschrieben.

Vor einem Hauptwort und vor Vornamen muss ein besitzanzeigendes Fürwort stehen. Beispiel: „Der Karl sitzt.“ (Dea Kall seddsd). Sachen und Personen oder Lebewesen werden gleichbehandelt und damit – ohne dass man das so ausdrückt – gleich hoch geachtet.

In der Mundart gibt es nur drei Fälle. Der Genitiv (wessen) fehlt, genauso wie im Irisch-Gälischen. Man fragt deshalb nicht nach „wessen Auto“, sondern nach „wem seinem Auto“ (wehm soaj Audo).

Bei Verniedlichungen hängt man oft ein „i“ an das entsprechende Wort. Beispiel: „das Haus / das Häuschen“ (deas Haus / deas Hoajsi).

In der Mundart gibt es zwei „wir“, während man im Hochdeutschen nur ein einziges „wir“ kennt, bei dem das „i“ kürzer oder länger betont wird. Im Hochdeutschen heben wir unsere Gemeinschaft mit dem lang ausgesprochenen „i“ besonders hervor und grenzen uns damit gegenüber anderen ab.
In der Mundart sagt man im Normalfall „mear“. Will man das „wir“, also die Gemeinschaft betonen, sagt man „mieahr“.

In der Mundart gibt es kein „man“. Auch hier wird „mear“ verwendet, also das unbetonte „wir“.

Die Artikel werden manchmal verändert. Bei uns heißt es beispielsweise:

di Bach / der Bach
dea Brell / die Brille
deas Ägg / die Ecke
dea Gummi / das Gummi
di Hoawwear / der Hafer
deas Gloeadds / der Klotz
dea Radjo / das Radio
dea Schoggealoaeahd) / die Schokolade
di Schwieaddsea / der Schweiß
dea Soggea / die Socke

Manche Dinge (Brille, Radio, Schokolade) gibt es historisch gesehen noch nicht allzu lange. Ich vermute, dass man diesen seinerzeit neuen Sachen möglicherweise von Anfang an den – hochsprachlich gesehen – „falschen“ Artikel oder sogar zwei verschiedene zugeordnet hat. In der Mundart kennt man „dea Schoaeahl“ (der Schal) und auch „di Schoaeahl“ für das wärmende Kleidungsstück am Hals. Aber auch in der Hochsprache ist man bei neuen Begriffen schon mal unsicher. So heißt es nach Jahrzehnten des Mailverkehrs zwar meistens „die Mail“, aber auch „das Mail“ ist erlaubt und gebräuchlich. Und noch heute ist sowohl „der Zeh“ als auch „die Zehe“ zulässig!

Bemerkenswert ist in der Oberhessischen Mundart, dass man bei einigen Tieren sogar die Mutter in männlicher Form bezeichnet. So nennt man etwa die Häsin „dea Moaurear„.

Die Mundart kennt auch besondere Adjektive:

kwiddeagäeahl / quittengelb
ahjearäggisch / oval (eiereckig)
– kollearoahweaschwoaeadds / kohlrabenschwarz
rabbealdurr / besonders trocken oder auch besonders hager

Die Steigerung des Adjektives „groß“ (gruhs, grissear, dea grissd) ist wie im Englischen (great, greater, the greatest) . Heute wird das oft aufgeweicht und viele sagen vergleichbar dem Hochdeutschen „ohm grissdea“.

In diesen Zusammenhang gehören auch seltsame Bezeichnungen wie

oabbeanea Knebb / verloren gegangene Knöpfe
gabuddeanea Fojs / geschundene Füße

In der Mundart gibt es eine Reihe weiterer Maßeinheiten, die man im Hochdeutschen nicht kennt, beispielsweise:

ea Puhdschea / eine Prise
ean Moffeal / einen Mund voll (einen Bissen)
ea Hoeaffeal / eine Hand voll
ean Oaerweal / einen Arm voll
ea Lassd / eine Schulter voll

Namensgleiche lebende Personen wurden nummeriert. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts beschränkte man sich auch in größeren Dörfern auf einige wenige Vornamen. Häufig waren zu dieser Zeit Anna, Marie, Katharina, Heinrich, Karl und Ludwig. Die Zahl der Nachnamen war ohnehin beschränkt, weil „Mobilität“ damals kein Thema war. Das führte oft zu Namensgleichheiten, so dass man dazu übergehen musste, sie zu nummerieren. Dies tat man in der Regel mit römischen, aber auch mit arabischen Zahlen, die sogar im offiziellen Schriftwechsel benutzt wurden. Beispiel: Karl Krämer VI. (mein Großvater). Gerade bei Karl Krämer ging die Zählerei bis X. (Zehnter).
Manchmal führte das sogar dazu, dass Schüler einen völlig neuen Rufnamen erhielten. So wurde beispielsweise aus einem „Luddwich“ (Ludwig) plötzlich ein „Fäeaddnannd“ (Ferdinand). Sonst hätte man die vielen „Ludwig’s“ wohl nicht unterscheiden können.

Es gibt auch sprachliche Unarten: Interessant ist auf jeden Fall die mundartliche Bezeichnung für die Lahnstraße in Steinbach. Man nennt sie die „Schossehgass“ (Chaussegasse). Chaussee bedeutet schon für sich alleine „eine gut ausgebaute Landstraße“. Warum sie dann auch noch zusätzlich als „Gasse“ bezeichnen? Eigentlich ist das „doppelt gemoppelt“, also eine Übertreibung. Vielleicht hat man sich aber auch nach ihrem Bau im 19. Jahrhundert einfach über die neue, breite Straße gefreut.